Karl Biehlig − 'Weimarer Hornschule'

Potrait von Karl Biehlig

Weimarer Hornschule:

Die 'Weimarer Hornschule', die mit dem Namen Karl Biehlig untrennbar verbunden ist, basiert insbesondere auf zwei Säulen: Zum einen auf dem druckschwachen Ansatz und andererseits auf der Erweiterung des Hornklanges im cantablen Bereich zum 'singenden Horn' mit einem dezenten Vibrato. Auf die Entwicklung des Klanges, d.h. eines schönen und warmen Tones, wurde größter Wert gelegt. Ergänzt wurde dies durch eine gezielte und individuelle Entwicklung der physischen und psychischen Kondition.

Karl Biehlig erläuterte seinen Weg zum druckschwachen Ansatz u.a. in seinem Referat auf den Stapelfelder Horntagen 1987: ... so kam es, dass ich nach Abschluß meines Studiums druckstark blies. Beim Orchesterdienst am 1. Horn bekam ich dann das Problem Kondition deutlich zu spüren. Der 2. Weltkrieg kam dazwischen und ich kam in ein Musikkorps der Wehrmacht. Hier hatte ich Zeit, mich mit den Dingen gründlich auseinander zu setzen. Unterricht bei erfahrenen Hornpädagogen brachte mir leider kaum neue funktionelle, methodische Erkenntnisse. So habe ich als Autodidakt versucht, zu neuen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu kommen. Bei Kriegsende hatte ich mich ansatzmäßig völlig umgestellt und Wesentliches an meinem Blasen geändert. .... An andere Stelle bemerkte er ergänzend: Nur zu gut hatte ich während meiner Studienzeit die Mängel in der Methodik und Pädagogik der Blechbläser zu spüren bekommen. Selbst gute Pädagogen wußten recht wenig über den Ansatz der Blechbläser. Andere Fachrichtungen wie Streicher, Pianisten und Sänger konnten ja schon auf eine recht ansehnliche Literatur auf diesem Gebiet zurückgreifen. So versuchte ich nun durch Aneignung der notwendigen anatomischen Kenntnisse, Zuhilfenahme der Literatur anderer Fachrichtungen (insbesondere Gesang), Anwendung fortschrittlicher Pädagogik und Psychologie und einer Analyse der Vorgänge bei bläserischen Funktionen zu einer gründlichen, systematischen und individuellen Ausbildung zu gelangen und Zufallserfolge auszuschalten. Die Lösung auf eine kurze Formel gebracht bedeutet dies den teilweisen Ersatz des Mundstückdruckes auf die Lippen durch eine Verstärkung von Lippenspannung und Stütze.

Neben der technisch-funktionellen Entwicklung der angehenden Hornisten wurde sobald als nur irgend möglich die Musikalität entwickelt. Karl Biehlig dazu: Die ursprünglichste Art des Musizierens ist der Gesang. Ein Musiker muß auf seinem Instrument singen. Diese Forderung kann nicht früh genug gestellt werden. Wenn das Horn nicht singt, ist alle Technik vergebliche Mühe. Dieses Bemühen um gesangliches Musizieren hat mich sehr bald zu einem dezenten Vibrato auf dem Horn geführt. In der Anfangszeit gab es teilweise erhebliche Widerstände gegen diese neue Art des Hornblasens. Aber im Laufe der Jahre setzte sich diese immer mehr durch, stellte sie doch eine Bereicherung der bisherigen klanglichen Möglichkeiten dar. Zum Vibrato führte er weiter aus: ...Vibrato ist sinnvoll, wo auf dem Horn gesungen wird, also bei Kantilenen (gesangliche Stücke). Weniger ist manchmal mehr. Vibrato darf nicht Routine sein. Es muß das Herzklopfen sein, die innere Erregung, manchmal schneller, manchmal ruhiger. Schrecklich wäre ein Hornruf oder Signal mit einem Vibrato. Man muß natürlich auch ohne Vibrato spielen können. Karl Biehlig selbst praktizierte es mit der rechten Hand im Schallstück.
Zum Protagonisten der 'Weimarer Hornschule' wurde der Biehlig − Schüler und weltbekannte Hornist Peter Damm. Sein Blasstil repräsentiert die wesentlichen Merkmale in nahezu idealer Weise. Neben Peter Damm sind viele hervorragende Hornisten aus der Biehlig − Schule hervorgegangen.

Peter Damm und Karl Biehlig

Meister und Meisterschüler um 1973

Karl Biehlig im Unterricht:

Um den Ansatz zielgerichtet zu entwickeln, wurden bei der Ausbildung der Hornisten insbesondere vier Gruppen von übungselementen genutzt. Karl Biehlig erläuterte diese auf den Stapelfelder Horntagen so:
... Erstens, dies geschieht in Schwelltönen, also crescendo-diminuendo Tönen, differenziert nach dem jeweiligen Leistungsvermögen des Studenten. Sobald wie möglich geht das dann in musikalische Spannungsbögen über, erst beginnend bei einfachen Liedchen, dann systematisch weitergeführt bis zu schwierigen Orchester- und Konzertstellen (Mondscheinmusik aus Capriccio usw.).
Zweitens, dies geschieht in Obertonbindungen (Naturtonlegato - Übungen). Diese Übungen werden also ohne Ventilwechsel durchgeführt. Erleichternd ist dabei, daß auf die linke Hand nicht geachtet werden muß und der Lernende sich ganz der Lippenfunktion widmen kann, natürlich in Verbindung mit der richtigen Luftführung. Mit zwei Tönen beginnend erweitert sich der Tonumfang nach oben und unten, bis schließlich der ganze Tonumfang des Hornes erreicht wird. Diese übungen werden zuerst gebunden, später auch gestoßen gefordert.
Drittens, erst wenn die Tonqualität einigermaßen gesichert ist , wende ich mich auch intensiver den Stoßübungen zu. Dies bedeutet anfangs Rhythmen auf einem Ton im Bereich einer Quinte, dann erweitert auf eine Oktave, führt schließlich durch alle Dur- und Molltonarten, beinhaltet Dreiklangübungen auf Naturtonbasis und führt zu sämtlichen Dur- und Molldreiklängen, sowie zum Dominantseptakkord [...] und einfachen Kadenzen in allen Dur- und Molltonarten durch 1 ½ und 2 Oktaven.
Viertens, eine gewichtige Rolle spielen bei meiner Arbeit die Tontreffübungen. Sie beginnen mit Einzeltönen bunt über dem jeweiligen Tonumfang verstreut. Schließlich werden freie Horneinsätze aus der Orchesterpraxis und auf jeder Tonhöhe und dynamischen Stufe verlangt.

Der Unterricht fand meist im Stehen statt, damit sich Atmung und Kondition optimal entwickeln konnten.
Er wurde sehr praxisnah durchgeführt, deshalb wurde besonderer Wert auf Orchesterstudien und Probespielstellen gelegt. Ebenso wurden das Zusammenspiel im Rahmen von Kammermusik und Hornquartett sowie der Konzertvortrag mit Klavierbegleitung gepflegt. Dazu war sehr umfangreiches Notenmaterial vorhanden. Karl Biehlig war all die Jahre ständig darum bemüht, dieses zu ergänzen. Während der DDR-Zeit war das ein sehr ernst zu nehmendes Problem.

Der Hochschullehrer Karl Biehlig hatte ständig sein eigenes Instrument mit dabei, um die richtige Ausführung demonstrieren zu können, häufig sang er die Stelle auch vor (in seinen letzten Lebensjahren hatte er nicht mehr die Kraft zum Blasen). Er führte den Unterricht mit großem zeitlichen Aufwand durch. Auf persönliche Präsenz legte er großen Wert. Es ist doch sehr wichtig, daß funktionelle Fehlentwicklungen bereits im Frühstadium erkannt und korrigiert werden, um eine aufwändige Umstellung der Technik zu vermeiden. Entwicklungen der heutigen Zeit, bei denen manche Instrumentallehrer nur alle paar Wochen einmal nach dem Rechten sehen, hätte er strickt abgelehnt.

Der Unterricht fand einerseits in einer gelösten Atmosphäre statt, mit allen Schülern war er schnell per du. Andererseits war er bei der Durchsetzung der gesteckten Ziele sehr konsequent und unnachgiebig. Seine Autorität war unangefochten.

Bei der Ausbildung der Hornisten arbeitete Karl Biehlig intensiv mit anderen Kollegen zusammen. Dazu schrieb er: Es ist wahrscheinlich eine glückliche Lösung, seine Schüler von den ersten bläserischen Gehversuchen an betreuen zu können, doch leider ist das nur in den seltensten Fällen möglich. So wäre eine kontinuierliche Entwicklung am einfachsten gesichert. Ich habe dies Problem gut gelöst. Ein ehemaliger Student (Rainer Heimbuch, d. Verf.) bereitet unsere Studenten an der Spezialschule für Musik vor. Wir arbeiten eng zusammen. Ich kenne seine Schüler und unterrichte sie oftmals selbst. Er nimmt mir dafür meine Schüler gelegentlich ab und arbeitet ebenso mit ihnen. Reiner Heimbuch (inzwischen verstorben) hatte nach der Emeritierung von Karl Biehlig die Weimarer Hornklasse übernommen. Ebenso hervorzuheben ist die jahrzehntelang währende und enge Zusammenarbeit mit den Repetitoren, insbesondere Frau Sonja Peters und Frau Winde. Auch sie wussten, wo jeder Atemzug zu erfolgen hat oder welche gestalterischen Mittel wünschenswert sind.

Karl Biehlig im Unterricht

Karl Biehlig beim Unterricht in seinem 'Hornzimmer'
(oberste Etage der Musikhochschule) Foto: Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1983

Schüler (unvollständig):

Andreas Böhlke, Helmut Brand, Helmut Brassel, Karin Bückner, Klaus Eulenstein, Horst Gerlach, Horst Görlitz,
Torsten Gottschalk, Answin Greulich, Karl-Wilhelm Haake, Fritz Hoffmann, Carola Holtz, Stefan Katte, Andreas Korn,
Rolf Raderschatt, Dieter Reinhardt, Klaus Röder, Sam Hean Ath, Hubert Schiller, Klaus Silber,
Esther Thiele, Martin Wedel, Hubert Willer, Kurt Zilling

Harald Azeroth, Staatskapelle Weimar
Heinz Eisenhut, Staatskapelle Weimar
Karl Katzmann, Staatskapelle Weimar
Ralf Ludwig, Staatskapelle Weimar: Solohornist
Reiner Heimbuch, Musikhochschule Weimar: ehem. Professor
Jörg Brückner, Münchener Philharmoniker: Solohornist, Musikhochschule Weimar: Professor
Katharina Jahn, Deutsches Filmorchester Babelsberg
Peter Scheitz, Berliner Rundfunk
Rolf Ludwig, Komische Oper Berlin: ehem. Solohornist
Egon Wirth, Komische Oper Berlin: ehem. Solohornist
Jens Köhli, Komische Oper Berlin: ehem. Solohornist, Staatstheater Braunschweig: Solohornist
Wolfgang Stahl, Staatskapelle Berlin
Dieter Fökel, Staatskapelle Berlin
Reiner Hoffmann, Berliner Sinfonie Orchester: ehem. Solohornist
Wolfgang Knoll, Konzerthausorchester Berlin
Zoltan Lubik, Symphonie Orchester Budapest
Peter Damm, Sächsische Staatskapelle Dresden: ehem. Solohornist, Musikhochschule Dresden: Professor
Andreas Langosch, Sächsische Staatskapelle Dresden
Erich Markwarth, Sächsische Staatskapelle Dresden: Solohornist
Istvan Vincze, Sächsische Staatskapelle Dresden: ehem. Solohornist, Musikhochschule Dresden: ehem. Professor
Werner Grahmann, Philharmonisches Orchester Erfurt
Thomas Reinsch, Jenaer Philharmonie
Henriette Pratzka, Jenaer Philharmonie
Eberhardt Sykora, Jenaer Philharmonie
Robinson Wappler, Jenaer Philharmonie: Solohornist
Egon Hellrung, Gürzenich Orchester Köln: Solohornist
Clemes Röger, Gewandhaus Leipzig: Solohornist
Erhard Ritschel, Nürnberger Symphoniker